Schützenverein - Traditionspflege oder Sport?
Eine typische Juristenfrage, auf die vielen Anworten möglich sind
Das Schützenwesen ist fast unübersehbar vielfältig; die Wurzeln und Traditionen der Vereine, Gilden, Gesellschaften, Bruderschaften, Korps und Clubs sind Legion. Und alle haben eine Beziehung zum Sport - mehr oder weniger ausgeprägt und organisiert. Das Jubiläumswerk "Wir Schützen - heute" des Deutschen Schützenbundes zählt 1986 (125 Jahre DSB) allein an Bundes- oder überregionalen Schützen- und Schießsportorganisationen rund zehn Verbände mit über zwei Millionen Mitgliedern, davon 1,3 Millionen im DSB. Die olympische Schießsportdisziplinen - immerhin elf an der Zahl - werden vom DSB im olympischen Komitee vertreten, ausgenommen Biathlon (Deutscher Skiverband). Auch in den europäischen und Weltschießsportverbänden (Europa- und Weltmeisterschaften) ist der DSB der deutsche Vertreter. Daraus hat sich ergeben, daß alle schießsportlichen Vereinigungen, die an internationalen Meisterschaften oder olympischen Spielen teilnehmen wollen, Mitglieder im DSB wurden.
Es gibt da Schießsportabteilungen von Turn- und Sportvereinen, Vorderlader- und Bogenschießclubs, Sportschützengruppen der Polizei, der Reservisten und von Berufsorganisationen wie Zoll, Taxifahrer oder großen Firmen, es gibt reine Schießsportvereine jüngeren Datums, uralte Gilden und Schützenvereine jeglicher Couleur.
Im heimischen Schützenkreis Sachsenwald haben wir rund 2.000 Schützen in fünf Schützenvereinen, drei Schützengesellschaften, zwei Schützengilden, einer Schützengemeinschaft, einer Reservistengruppe und einem Turn- und Sportverein. Unser DSB-Landesverband ist der Schützenverband Hamburg und Umgegend e.V. mit rund 24.000 Mitgliedern in 150 Vereinen und vier Schützenkreisen mit einem ebenso farbigen Bild.
So bunt sähen auch die Antworten auf die Titelfrage aus. Reduziert man die Frage auf diejenigen Schützenvereine, deren Mitglieder eine Schützenjacke tragen und einen Schützenkönig ausschießen, erfaßt man nur etwa zwei Drittel der Vereine - mit abnehmender Tendenz. Sieht man als Traditionspflege die Pflege der vereinseigenen Traditionen an, kann man wohl nur die Vereine fragen, die länger als etwa 50 Jahre existieren, denn diese Traditionen stammen zumindest aus der Zeit vor 1936, wenn nicht vor 1918. So verbleibt nur noch die Hälfte der Vereine, die "alte" Traditionen pflegen können.
Ich will versuchen die Frage nach Tradition oder Sport für die verbleibenden 50 % der Schützenvereine in Hamburg und Umgebung zu beantworten. Die Geschichte eines Vereins, was Mitgliederzahlen, sportliche Erfolge, örtliches und überörtliches Ansehen, kommunale Aktivitäten usw. angeht, ist keine Gerade mit steigender oder fallender Tendenz, sondern eine Wellenlinie mit Höhen und Tiefen. Das Auf und Ab hat viele Ursachen: Zusammensetzung des Vorstandes, Aktivität und Organisationstalent der Vereinsfunktionäre, Altersstruktur der Mitglieder, Angebote des Vereins an seine Mitglieder und Interessenten auf traditionellem, sportlichem und geselligem Gebiet.
Nach meinen Beobachtungen haben diejenigen Vereine eine längerfristig ansteigende Erfolgskurve, die Traditionen Schießsport pflegen und den Mitgliedern zusätzlich eine vielseitige Palette an Dienstleistungen im Verein anbieten, worunter ich Freizeitbetätigung auch für die Familie verstehe, z.B. Tischtennis, Billard, Gymnastik, Jogging, Filmabend, Tanzabend, Schach- und Skatrunden, Kaffetafeln u. a. m.
Die Pflege des Sportschießens muß hier wohl nicht erläutert werden; sie sollte - und ist es meistens - eine Selbstverständlichkeit im Schützenverein sein. Schon die Vorschriften des Waffenrechtes fordern "regelgerechte, ordentliche Wettbewerbe" nach überregionalen Regeln (z.B. der Sportordnung des DSB mit Vereins-, Kreis-, Landesmeisterschaften usw.). Die überwiegende Mehrheit der Interessenten, die zu einem Schützenverein finden und Mitglied werden, wollen für ihre Freizeit eine Betätigung finden und z.B. mit dem Luftgewehr, dem KK-Gewehr, der Sportpistole, der Luftpistole oder dem Bogen auf Scheiben schießen. Nur eine Minderheit tritt einem Verein bei, um dessen Tradition zu pflegen oder um Schützenkönig zu werden. Mit viel Geduld und Glück finden die Mitarbeiter des Vereins für diesen Teil des Vereinslebens Interessenten, die nicht nur passive oder fördernde Mitglieder bleiben, sondern aktiv werden. Es sind zwei Paar Schuhe, von der Bewahrung uralter Traditionen zu reden, zu schwärmen oder aber diese Traditionen zu pflegen, zu leben!
Die Traditionspflege als zweites Bein des Schützenvereins ist gleichwertig mit der Pflege des Schießsports zu sehen, aber in letzter Zeit immer schwieriger durchzuführen. Auch das hat mehrere Gründe, von denen ich einige beschreiben möchte, wobei die Reihenfolge keine Wertung darstellt.
Die Schützentracht
Die alten grünen Joppen sind in kaum zwei Vereinen gleich. Will man Tradition pflegen, muß es wohl für bestimmte Anlässe - im Jahr vielleicht an fünf oder sechs Tagen - diese spezielle Maßschneiderjacke nach genauer Vorschrift sein. Dazu kommen Hut, Hose und Zubehör. Gegenüber der Zeit vor 50 oder 100 Jahren stehen die Kosten hierfür heute in einem ganz anderen Verhältnis zum Einkommen und es gibt immer weniger Schützen, die bereit sind, für diese wenigen Stunden im Jahr so tief in das Sparschwein zu greifen. Einige Vereine helfen sich da mit dem Blazer oder der Clubjacke, meist in traditionellem Grün, aber auch in Blau oder Oliv mit dem Vereinsemblem. So hat man zwar zwei verschiedene Jacken - aber wesentlich mehr Träger, da der Blazer "von der Stange" zu einem wesentlich kleineren Betrag gekauft werden kann. Ist dieser Ausweg nun noch Traditionspflege, oder nicht?
Die Puritaner sagen: "Jetzt stirbt die alte Joppe ganz aus!". Die Vereinsfunktionäre sagen: "Lieber die dreifache Anzahl grüner Jacken in zwei Arten, als nur immer weniger Traditionsjoppen.". Wer endgültig Recht bekommt, ist noch nicht entschieden. Ich kenne Vereine, in denen auf 100 Mitglieder noch knapp sechs oder sieben alte Joppen kommen.
Traditionsschießen
Im Gegensatz zu Süddeutschland, wo immer schon traditionell "freihändig" geschossen wurde, ist in Norddeutschland in vielen Gebieten das "aufgelegte" Schießen mit dem Gewehr Tradition. Gerade in den letzten zehn Jahren erlebt hier das Schießen als "Standauflage" mit dem Kleinkalibergewehr eine neue Blüte. Bei den Rundenwettkämpfen zwischen den Meisterschaften stellen viele Vereine sechs oder acht Auflagemannschaften und nur eine oder zwei Mannschaften in den "sportlichen" Disziplinen Luftgewehr-Freihand oder KK-Dreistellungskampf. Wenn im Verein beides gefördert und geschossen wird, ist das zu begrüßen, nur sollten sich die Aktivitäten nicht im Auflageschießen allein erschöpfen: Das wäre nicht Traditionspflege, sondern Rückschritt.
Schützenfest/Königsschießen
Hier ist festzustellen, daß es vielerorts zu Veränderungen, zu Weiterbildungen gekommen ist. Zwar werden einige Hauptbestandteile beibehalten - etwa Einholen des alten Königs, Königsfrühstück, Marktbetrieb und Festplatz mit Zelt, Königsschießen, Proklamation des neuen Königs, Festabend oder Königsball - aber schon beim Umzug gibt es Veränderungen, die nicht der Tradition entsprechen. In einigen Vereinen kann es bereits eine Königin sein, die nach dem Königsschuß proklamiert wird, bei anderen fehlt der Marktbetrieb mit Schaustellern, weil die Beteiligung der Bevölkerung ausbleibt, besonders in Ortsteilen größerer Städte. Selbst in kleineren Orten wählt man Lösungen wie "Volks- und Schützenfest" und beteiligt andere Vereine und die Gemeinden an den Veranstaltungen.
Wie jüngste Beispiele zeigen, bringt nicht einmal diese Hilfslösung die Bevölkerung auf die Beine bzw. in das Zelt. Die Presse schreibt: "Königsproklamation vor leeren Stühlen". Auch das Königsschießen selbst ist bei einer Reihe von Vereinen in Gefahr, da die Zahl der Mitglieder, die König werden möchten, immer kleiner wird. Da sind die Vorstandsmitglieder gefordert, durch behutsame Anpassung der Rechte und Pflichten des Schützenkönigs an die heutigen Möglichkeiten eines Schützen, das Interesse der Mitglieder am Königsschießen wieder aktiv teilzunehmen, zu steigern.
Hier liegt es, wie bei anderen Beispielen, einfach daran, was ein alter Spruch sagen will: "Tradition heißt nicht Asche bewahren, sondern eine Flamme am Leben zu erhalten". Die heutige Antwort auf die Titelfrage muß also sein: Sportschießen pflegen und Tradition lebensfähig erhalten!
Diese Meinung ist keineswegs neu. Schon 1951 formulierte der Exweltmeister im Gewehrschießen Walter Gehmann (Baden), der wohl maßgebendste Initiator zur Wiederbegründung des Deutschen Schützenbundes im gleichen Jahr: "Es ist Aufgabe des Deutschen Schützenbundes, das alte Schützentum zu wahren und dessen Sitten zu pflegen. Auf sich allein gestellt, wäre es jedoch damit nicht möglich, den Fortbestand des deutschen Schützenwesens zu sichern. Dies muß in Verbindung mit dem modernen Sportschießen geschehen, und zwar beginnend bei den Vereinen."
Kurt H. Ladendorf